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Ümran lebt

Alpenpanorama am frühen Morgen. Ein weites Tal, ein Dorf und sein Kirchturm. Ein Wirtschaftsweg führt an einer Kapelle vorbei durch einen dichten Wald hinauf zur einer Almwiese, auf der die Jungstiere grasen. Über einer Kuppe eine einsam stehende Almhütte. Ein Bild wie eine Postkarte: Der Gipfel des Sonnwendjochs im Hintergrund, wabernder Morgennebel um die Hütte, vor der ein Brunnen plätschert. Kein Strommasten, keine Straße, keine Menschen. Das Bild friert ein und wird durch einen Klick abgelöst von der Eingabemaske eines Buchungsportals.

Ümran wird eingegeben.

18. Mai 2018 // 7:49 CET

Aus dem Autoradio tönt „Happy Birthday“ von Stevie Wonder. Ümran singt begeistert mit. Neben ihr, im Kindersitz nuckelt Baby Lydia am Schnuller. Es ist ein schöner Tag, ein Föhntag. Die Berge glänzen, wo sie sich am blauen Himmel stoßen. Ümran lächelt hinter ihrer Sonnenbrille.

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https://youtu.be/inS9gAgSENE

Plötzlich hört sie lautes Hupen. Hinter ihr fährt ein Sportwagen mit halb abgetönter Windschutzscheibe. Ümran ist irritiert. Sie fährt ordnungsgemäß, die Überholspur ist frei. Es gibt keinen Grund, sie anzumotzen. Der Sportwagen zieht nach links, hält sich parallel zu Ümran. Der Fahrer winkt. Sie erkennt ihn sofort an seiner Lufthansa-Uniform.

Ümran erstarrt. Sie schaut geradeaus und reagiert nicht. Greg öffnet sein Beifahrerfenster mit der Fernbedienung und ruft „Ümran!“, was natürlich vom Autobahnlärm völlig verschluckt wird. Greg fuchtelt mit beiden Armen. Ein gefährliches Unterfangen, das Auto bricht fast aus. Hinter Greg hat sich schon eine kleine Schlange gebildet. Er muss Ümran überholen und verliert sie aus dem Blick. Ümran klappt die Sonnenblende herunter und bleibt ganz cool.

Ich habe nicht gewusst, dass Ümran krank ist. Irgendeine Störung oder Syndrom oder so. Ümran wusste selbst nichts davon.


Merdad

18. Mai 2018 // 8:30 CET

Merdad ist Flugbegleiter. Er ist ein schöner Mann in seiner Uniform. Sein Schritt ist schwungvoll, er wirkt sympathisch. Mit seinen Kolleginnen schäkernd zieht er seinen Rollkoffer durch die Schranke aus dem Sicherheitsbereich zum Ausgang. An der Drehtür begegnet ihm ein Mann, der die gleiche Uniform trägt – Greg. Der Mann von der Autobahn.

Merdad: „Gut, dich zu treffen. Jetzt geht‘s los. Kommt ihr morgen?“

Greg: „Sehr gern. Klaus ist so total heiß drauf. Er will doch auch ein Baby.“

Merdad: „Ich melde mich, wenn ich mit Ümran gesprochen hab. Ich muss mich zuerst erholen. Hinter mir liegt der reinste Alptraum: Meine Mutter wieder mal mit Herzattacke im Krankenhaus und ich sofort in die nächste Maschine nach Teheran. Aber Fehlalarm. Ümran hat keine Ahnung, dass ich schon heute zurückkomme.“

Greg: „Da täuschst du dich. Ümran weiß, dass du jetzt kommst. Ich hab sie vorhin gesehen. Sie holt dich ab. Hoffentlich hab ich nicht die Überraschung gespoilert.“

Merdad: „Nie und nimmer.“

Greg: „Doch. Ich hab Ümran auf der Autobahn überholt. Die wird gleich da sein. Haha, du hast echt keine Ahnung, wie sehr dich die Frauen lieben.“

Merdad ist irritiert. Greg eilt davon zu seinem Flug.

Nach einer halben Stunde vergeblichen Wartens und gefühlten 1000 Anrufen, steigt Merdad in die S-Bahn. Vielleicht hat sich Greg getäuscht und es war nicht Ümran, die er überholt hat. Womöglich liegt sie im Bett, das Handy lautlos wegen Baby und so.

Auf einmal hingen Babyschuhe am Klingelschild. Von der Hochzeit oder der Schwangerschaft hab ich gar nichts mitgekriegt. Diese Frau? Komplett wahnsinnig, wenn man mich fragt.

Nachbar

18. Mai 2018 // 7:20 CET

Baby Lydia liegt schon in der Babyschale neben dem Rollkoffer im Treppenhaus. Ümran steht mit dem Rücken zur Stiege und sperrt die Wohnungstür ab.

Der Etagennachbar von gegenüber reißt seine Tür auf und kann seine Dogge nur mit Mühe halten. Völlig begeistert springt sie vor das Kind.

„Nimm den Hund weg!“ Ümran faucht wie eine Furie.

„Gott, du weißt doch, dass Alma niemandem was tut. Sie ist so sanft.“ Die Dogge Alma reicht Ümran fast bis zur Schulter. Beängstigend groß.

„Weg! Hau ab mit dem Monster!“ schreit Ümran und sperrt die Tür zitternd wieder auf.

„Ist denn dein Mann da? Der hat noch meinen Akkuschrauber.“ fragt der Nachbar genüsslich. Alma sabbert. Ümran antwortet nicht. Ihr Handy klingelt. Baby Lydia fängt an zu schreien. Der Hund bleibt reglos stehen. Ümran lässt ihn nicht aus dem Blick. Offenbar fällt es ihr schwer zu entscheiden, wo die Priorität liegt. Der Hund darf nicht näher kommen. Der Nachbar ist zu neugierig. Das Baby muss beruhigt werden. Das Telefon soll schweigen. Nervtötende Sekunden vergehen. Dann fällt Ümran eine Entscheidung: Sie trägt das Baby in die Wohnung, dreht sich im Kreis, denn sie weiß nicht, wo ihr der Kopf steht. „Arschloch!“ schreit sie und knallt die Wohnungstür von innen zu.

Der Nachbar steht verdattert im Hausflur. „Psst,“ sagt er zum Hund, der sowieso kein Geräusch macht.

Dann hört er Ümrans Stimme durch die Tür. „Ich bin sekündlich bei dir, Schatz,“ flötet sie.

Ümran war so wunderschön. Wie eine Madonna mit Kind.

Thomas

18. Mai 2018 // 8:15 CET

Ümran hält vor einer Villa mit altem Baumbestand. Lydia schläft tief und fest in der Babyschale. Thomas öffnet die Beifahrertür. Ein breites Grinsen, ein Schmelzen des ganzen Gesichts beim Anblick des Kindes offenbart seine Liebe. Vorsichtig schließt er die Tür, steigt umständlich mit dem Rucksack in der Hand hinten ein und flüstert „Los geht’s“. Thomas legt geräuscharm seine mitgebrachte CD ein.

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https://youtu.be/2vnYKRacKQc

Ümran ist eine begabte Autofahrerin. Selbst auf der Holperstrecke zum Huberhof schwebt der Wagen wie auf Wolken. Baby Lydia schläft immer noch. Ümran überlässt Thomas die Aufsicht und geht mit dem Geldbeutel von Thomas ins Haus.

„Servus, Frau Gott“, begrüßt sie Berni. Der alte Bauer Huber sortiert im Hintergrund die Regale vom Hofladen.

„Drei Personen sama jetzt, gell?“

Ümran lacht. „Stimmt, wir waren schon länger nicht mehr da. Da kann sich schon so einiges verändern.“

Sie hält Berni den Hunderter entgegen. Mehr braucht es nicht. Stammgäste eben.

Berni begleitet Ümran zum Auto und schaut das schlafende Baby an.

„Liab. Und ganz der Papa,“ sagt er. Thomas grinst.

Ümran läuft nochmal zurück und holt beim Huber senior einen Honig.

Schad, dass die Frau Gott nimmer frei is. De hätt mir scho a taugt. Ned so a Schnepfn, bloss weil‘s guad ausschaugt.

Berni

Ümran ist nicht zu Hause. Die Wohnung ist aufgeräumt. Merdad nimmt den Lift in die Tiefgarage. Das Auto ist weg.

Telefonat mit seiner Mutter in Teheran. „Bist du erst jetzt zu Hause? Du rufst spät an.“

Merdad hyperventiliert. „Ich hab gerade andere Sorgen, Mutter. Ümran und das Baby sind nicht da.“

„Da siehst du es. Sie ist eine Egoistin. Ümran ist bestimmt beim Shoppen. Da hat sie plötzlich keinen Stress mit der Kleinen. Nur zu deiner kranken Mutter wollte sie dich nicht lassen. Das war zuviel verlangt. Das war ihr zuviel Stress. Von wegen … “

Merdad nimmt Ümran in Schutz: „Bestimmt ist sie im Krankenhaus mit dem Baby. Blähungen, Fieber. Ach herrje… Hoffentlich ist nichts passiert.“

Ich kann mir nicht erklären, was Merdad an Ümran findet. Das ist doch ein türkisches Bauernmädel. Ungebildet. Und faul. Die lügt doch, wenn sie den Mund aufmacht und lässt sich von Merdad aushalten.


Merdads Mutter Mitra

Hochzeit. München Standesamt.

In der Ruppertstraße hupt der Linienbus. Fünf Limousinen versperren die Fahrbahn. Merdad hilft seiner Mutter, die ein grünes, enges Abendkleid trägt. Der kurze Weg zum Auto ist bereits eine Herausforderung. Das Einsteigen dauert. Ümran öffnet die Tür, Merdad dient als Stütze. Ümran zögert, bevor sie endlich die Tür schließt. Ihr Blick bleibt auf dem Chauffeur hängen. Doch Merdad zieht Ümran weg. Das Brautpaar muss noch zum ersten Fahrzeug in der Reihe laufen. Die Stöckelschuhe, der Schleier, die Krinoline – alles behindert. Schließlich braust die Flotte ab wie nach einem Staatsbesuch.

Wieder löst die Hochzeitsgesellschaft Stau und Hupkonzerte aus. Dachauer Straße. Vor dem persischen Restaurant wird geküsst, umarmt und gratuliert, während die Limousinen die Trambahnschienen blockieren. Von den zirka 100 Hochzeitsgästen sind etwa 80 mit Merdad verwandt. Der Rest sind seine Kollegen Greg, Klaus, Solveig und Nachbarn. Ümrans Bruder Osman parkt die Limousine, deren Chauffeur er war. Dann stellt er sich neben Ümran.
Merdad weiß nicht, was er sagen soll, als Ümran ihn vorstellt. „Osman, mein Bruder.“ Osman ist Ümrans einziger Gast.
Peinlich berührt, weil er ihn ganz offensichtlich noch nie gesehen hat, schaut Merdad schuldbewusst in die Runde seiner Verwandten. Es entsteht eine kurze Pause. Unangenehm.
Merdads Mutter Mitra bemerkt die Peinlichkeit der Situation auch. Doch für sie liegt die Peinlichkeit bei Osmans Status als Chauffeur. Dass sie ausgerechnet den Bruder ihrer Schwiegertochter als Dienstleister engagiert hat, und das vor ihrer ganzen Verwandtschaft, bringt sie ganz aus der Fassung. Schnell gibt sie Anweisungen, um sich mit dem Brautpaar fotografieren zu lassen. Zuckersüß flötet sie „ein Foto, ein Foto“ und nimmt Ümran zur Seite: „Wo sind deine Eltern? Sie müssen auch auf das Bild.“
„Beide tot,“ antwortet Ümran. Sie klingt erstaunlich aggressiv. Mitra hat das nicht erwartet. Momentan weiß sie nicht, wie sie antworten soll. Alle Falschheit schwindet aus ihrem Gesicht. „Aber warum hast du das nicht längst erzählt, Kindchen. Ich weiß gar nicht, wie ich dich trösten soll. Ich bin ja selbst Witwe.“
Sie versucht Ümran zu umarmen, doch Ümran dreht sich schroff von ihr weg, zieht ostentativ ihren Bruder Osman an ihre Seite und setzt ein Fotogesicht auf.

Restaurant Shalizar Hochzeitsfeier

Der Keller glitzert und blinkt. Die Tafel, die sich biegt vor Kristall und wertvollem Porzellan, scheint im Kerzenlicht und strahlt auf die prächtig gekleideten Hochzeitsgäste. Wie ein Märchen leuchten die Speisen und Dekorationen, die Mutter Mitra organisiert und bestellt hat. Sie ist der Mittelpunkt der Feier, nicht das Brautpaar. Die gute Stimmung ist zurück. Mitra überwacht die Reihenfolge der traditionellen Elemente vom Zuckerreiben über dem Brautbaldachin bis zum Honiglecken am kleinen Finger des Paars.

„Du darfst nicht gleich Ja sagen,“ flüstert Merdad Ümran zu. „Schüttel einfach zweimal den Kopf, wenn sie dich fragen, ob du mich heiraten willst. Ich mach dir ein Zeichen, wenn du Ja sagen sollst. Es ist wie ein Theaterstück. Der Widerspenstigen Zähmung oder so.“

„Dann wirst du gleich erleben, was ich für eine großartige Schauspielerin bin,“ lacht sie.

Ümran konzentriert sich und wirkt fast unbeteiligt. Ab und zu wirft sie ihrem Bruder einen Blick zu, der sich scheu im Hintergrund hält. Seine Gesichtsmuskeln zucken beim traditionellen Messertanz der Brautjungfern. Ob ihm die vielen Geldscheine, die Merdad verteilt, nicht schmecken oder der Anblick der jungen Frauen in ihren gewagten Kleidern, kann man nicht einschätzen.

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https://www.youtube.com/watch?v=XLTEUpF3N-0


Unsere Eltern leben seit ein paar Jahren wieder in der Türkei. Mir ist das auch lieber so. Weniger Stress. Andererseits haben sie die Familie zusammengehalten. Früher waren wir oft beisammen. Mal am Abend und am Wochenende. Meine Mutter hat immer für alle gekocht. Das ist jetzt weg. Jeder lebt allein für sich.
Osman

Im Keller des persischen Restaurants in der Dachauer Straße sitzen die Hochzeitsgäste mittlerweile bei Tee und Süßigkeiten bunt durchmischt in Gruppen zusammen. Mitra und die Frauen haben ihre Pumps ausgezogen und tanzen ausgelassen. Die Kinder kriechen gefährlich schnell unter den Tischen herum. Die Männer stehen rauchend auf dem Bürgersteig vor dem Eingang. Ümran und ihr Bruder Osman halten sich ein wenig abseits.

Merdad wankt angetrunken aus dem Lokal. Er unterscheidet sich in seinem Benehmen deutlich von allen anderen Gästen, die sich trotz aller Feierlaune im Griff haben und sich beim Alkohol disziplinieren. Merdads Respekt für die Gepflogenheiten fehlt offenbar. Er prostet Fremden zu, torkelt, flirtet mit den Frauen, die zufällig aus der Trambahn steigen.

„Hallo, du Bruder. Warum bist ganz alleine da?“ geht er Osman an. Osman will die Feier nicht verderben. Er lächelt verkrampft. Aber Merdad lässt nicht locker. Er hat ein schlechtes Gewissen. Forsch umarmt er Osman. „Los, sag! Warum bist du allein ohne die Familie gekommen?“ Osman lehnt schon an der Wand, windet sich. Er antwortet nüchtern: „Weil wir nichts von der Hochzeit wussten.“

Merdad ist so überrascht, dass Osman sich befreien kann. Er verabschiedet sich nicht einmal von Ümran und fährt mit der Limousine weg.


Schrecklich, wenn man keine Familie mehr hat. Ich bin nach der Hochzeit zur Unterstützung meines Sohnes regelmäßig zu Besuch nach München gereist. Meine Schwester hat ja eine Einliegerwohnung, die ich dann nutze.
Mitra

20. Mai 2018 // 8:15 CET

Merdad sitzt im Wohnzimmer und telefoniert die Krankenhäuser durch. Die Wohnung ist tiptop aufgeräumt, nichts liegt herum.

Merdad schwitzt und hyperventiliert. Zwischen zwei Anrufen läuft er angespannt durch sämtliche Zimmer – Küche, Bad, Schlafzimmer und Kinderzimmer. Alles ruhig. Merdad will schreien.

Gleichzeitig versucht er Ümran mobil von seinem Handy aus zu erreichen. Keiner geht ran.

„Können Sie denn keine Durchsage machen in der Notaufnahme?“ spricht er ins Festnetztelefon, während er parallel immer wieder Ümrans Nummer vom Handy aus anruft.

„Eine schlanke Frau, 28 Jahre, lange dunkle Haare … und ein Baby, 4 Wochen. Ein Mädchen.“

Nichts. Nichts. Nichts.

Merdad hat sich sehr lange ein Kind gewünscht. Nie hat es geklappt. Jetzt ist er eigentlich glücklich. Er schaut das Hochzeitsvideo an. Ümran ist wunderschön. Sie war früher Model. Ihre Figur ist top. Traumfrau. Merdad ist sehr stolz. Seine Sehnsucht ist unermesslich. Er wird steif und holt sich einen runter. Zu spät bemerkt er, dass er die Vorhänge nicht zugezogen hat. Gegenüber sitzen Jugendliche auf dem Balkon und winken ihm zu. Merdad schaltet das Licht aus und geht frustriert und wütend ins Schlafzimmer.

Merdad liegt allein im Ehebett. Er wälzt sich herum. Er dreht sein Gesicht ins Kissen. Er will sich selbst nicht weinen sehen.

In seinen Träumen liegt Ümran unter den Trümmern seines Auto. Sein Kind blutüberströmt auf dem Asphalt.

Verzweifelt ruft er bei der Polizei an. „Vermisst? Seit wann?“

Das Handy dingdongt eine neue FB-Message. Merdad stürzt aus der Toilette ins dunkle Schlafzimmer. Im zerwühlten Bett ertönt erneut der Jingle. Greg. Nicht Ümran. Merdad liest die Textnachricht trotzdem. „Bleibt es bei Sonntag? Klaus will das Baby sehen. Küsschen an Ümran und Lydia, Sugardaddy.“ Keine anderen Nachrichten oder Messages.

Merdad starrt vor sich hin. Er checkt Ümrans Facebook-Seite. Offenbar war Ümran länger nicht aktiv. Sie hat seit über zwei Jahren kein Foto hochgeladen. Kein Baby Lydia. Keine Schwangerschaft. Keine Hochzeitsbilder. Nur Ümran. Und immer wunderschön mit Selfie-Schnute.


Merdad ist ein großartiger Fotograf. Fotos macht er überall , sogar wenn wir auf Langstrecke sind, und trotz Jetlag. Ich hab sein Bild von der Chinesischen Mauer über dem Bett. Auf Leinwand natürlich.
Greg

Auf dem Weg zum Flughafen, bereits in der Uniform, zieht Merdad seinen Rollkoffer durch Paris. Der Blick durch den Sucher seiner Spiegelreflexkamera stoppt seine Suche nach dem perfekten Ausschnitt, als Ümran im Bild erscheint. Sie füttert lachend die Tauben und winkt einer unsichtbaren Person zu. Merdad drückt gebannt auf den Auslöser. Er versucht, näher ran zu zoomen, aber Ümran springt ihm aus dem Bild. Einen Moment lang sucht Merdad nach ihr, indem er sich mit dem Ausschnitt dorthin bewegt, wo er sie vermutet. Als er anschließend die Kamera herunternimmt, ist er orientierungslos und Ümran ist verschwunden.

Nur kurz später begegnen sie sich wieder. Merdad steht in der Mitte der Flugzeugkabine und „tanzt“ die Sicherheitseinweisung mit der Schwimmweste und dem Sauerstoffgerät – da sieht er Ümran in der letzten Reihe sitzen. Es ist wie ein Blitzschlag. Er kommt ganz aus dem Takt, so dass sich die Pfeife im Gummiband der Gesichtsmaske verheddert. Er läuft sogar rot an, als sich ihre Blicke treffen. Traumfrau, Hammer, Donnerschlag.

Später sagt er zu Greg: „Liebe durch den ersten Kamerablick.“

Ümran und Merdad liegen im Bett

Ümran ist schmusig, Merdad blind vor Liebe. „Heirate mich,“ sagt Mehrdad. „Ja,“ haucht Ümran. Sie küssen sich lang und leidenschaftlich.

Doch Merdad muss arbeiten, sein Flug geht bald. Er nimmt Ümrans Handy und speichert seine eigene Nummer ein. Zur Kontrolle ruft er gleich an. In Merdads Hosentasche klingelt es. „Perfekt,“ sagt er und küsst Ümran. Er küsst sie auf Mund, Nase, Augen, Stirne – überall. Es sieht aus, als wollte er sie langsam verschlingen. „So, jetzt musst du mich jeden Tag anrufen. Egal, wo ich auf der Welt bin. Ich muss deine Stimme hören, sonst sterbe ich.“


Merdad wollte immer Kinder. Möglichst viele. Mir selbst war eins mehr als genug. Daher ist Merdad ein Einzelkind. Er hat immer von Geschwistern geträumt. Viele Kinder um ihn herum. Seine erste Frau Angelika wurde nie schwanger. Das hat die Ehe zerstört.
Mitra

Merdad und Ümran sitzen im Warteraum des Wunschkinderzentrums. Das Interiordesign lässt auf höchste Qualität in der Serviceleistung schließen. Das gedämpfte Licht und das Plätschern des Wellnessbrunnenensembles tun seine Wirkung: Merdads Augen fallen zu. Seit die 5-köpfige arabische Familie im Behandlungsbereich verschwunden ist, kann sich Ümran auf die Info-Broschüre konzentrieren.

Ruhe. Dudelmusik. Handyklingeln.

Merdad fährt hoch. Kurzer Blick aufs Display und sein Gesichtsausdruck entgleist. „Meine Mutter,“ entschuldigt er sich. Ein entnervter Dialog auf Farsi folgt. Merdad wird immer lauter. Schließlich zieht er telefonierend seine Jacke an und legt auf. „Ich weiß, es ist schrecklich. Ich muss sie da rausholen. Sie ist beim Schwarzfahren erwischt worden und sitzt im Sperrengeschoß und regt sich auf. Ist schnell erledigt. Gleich vorn am Marienplatz. Bin sofort wieder da.“ Ümran rollt mit den Augen, weiß aber, dass sie jetzt besser nichts sagt.

In der Tür ergibt sich ein witziger Tumult mit einem sehr dicken Mann, der den Weg versperrt. Nach einigen Versuchen, sich gegenseitig den Weg frei zu machen, wobei beide Kontrahenden auf dieselbe Seite ausweichen, rauscht Merdad ab. Ümran starrt auf die Szene. Die übereinandergeschlagenen Beine verkrampfen sich unmerklich. Ansonsten wirkt Ümran unbeteiligt. Als kenne sie keinen der beiden Männer. Sie blättert in der Gala und konzentriert sich auf die Horoskopseite.

Thomas, der dicke Mann, sieht Ümran nicht. Er wird von einer Assistentin in den Spermaanalyse-Bereich geführt.

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https://www.youtube.com/watch?v=1Dpp54QVRIs


Merdad hatte ja den Verdacht, dass er zeugungsunfähig ist. Ümran wurde lange nicht schwanger und Merdad nervös. Er bestand auf eine Untersuchung ihrer beider Zeugungsfähigkeit. Als es doch überraschend mit der Schwangerschaft klappte, war Merdad auf Wolke 7.
Solveig

Babywelt-Messe in München

Die ganze Gruppe, bestehend aus der schwangeren Ümran, Merdad, Greg und Klaus, sowie Solveig, tummelt sich an einem Kinderwagenstand. Vorbeiziehende Messebesucher, allgemeiner Lärm, Reizüberflutung.

„Schau nur, wie süß!“ flötet Klaus. Ob er das Neugeborene an der stillenden Brust auf dem flauschigen Besuchersofa oder die mit Spitzen eingefasste Baby-Hängematte meint, bleibt unklar. Alle folgen seiner Blickrichtung und seufzen gerührt. Doch dann ist Ümran plötzlich verschwunden. Merdad sieht rundum nur dicke Bäuche. Doch Ümran ist nicht dabei.

„Wo ist sie denn?“

Allgemeines Schulterzucken.

Merdad ist nervös. Er kann sich nicht konzentrieren. Antwortet nicht, als ihn Solveig nach einer Zigarette fragt. Er lacht nicht mit, als Greg sich ein rosa Mützchen aufstülpt. Seine Augen scannen immer wieder die Messegäste.

Endlich lichtet sich sein Blick. Ümran kommt aus der Damentoilette am Ende des Gangs. Als sie schon fast wieder bei der Gruppe angelangt ist, tritt ihr Merdad ein paar Schritte entgegen.

„Warum sagst du nicht, dass du weggehst?“ herrscht er sie an.

„Ich bin doch kein Kind. Ich kann schon allein aufs Klo,“ antwortet Ümran.

Merdad ist eingeschnappt. „Ich hab mir Sorgen gemacht.“

Solveig und Merdad sitzen in Mänteln in einem Café vor der Messehalle. Solveig raucht, Merdad nicht.

„Kannst du mich nachher heimfahren?“ fragt Solveig.

„Wieso? Hast du kein Auto?“

„In der Werkstatt. Stell dir vor, ich hab es zu Ümrans Bruder in die Werkstatt gebracht.“

„Wie? Ümrans Bruder hat eine Werkstatt? Hier in München?“

Solveig raucht und nippt belustigt an ihrem Sprizz. „Manchmal bist du total naiv, Merdad. Du hast wirklich gar keine Ahnung, wer die Frau an deiner Seite ist.“

Wie doch die Männer durchdrehen, sobald sie eine geschwängert haben.
Solveig

Schwangerschaft

Ümran sitzt mit dem dicken Thomas auf der Dachterasse, die einen wundervollen Blick über Salzburg bietet. Das Restaurant „Herr Gott“ ist Thomas Gotts neues Sternerestaurant.
„Soll ich dir vielleicht einen Kamillentee machen?“ fragt Thomas. Ümran schüttelt den Kopf. „Das wird schon. Ganz normal.“ Thomas ist trotzdem besorgt. „Ich finde, du solltest jetzt deinen Job als Fotomodell aufgeben und zu mir ziehen. Du bist viel zu viel unterwegs. Das ist nicht gut für das Kind.“
Ümrans Handy klingelt. Ein kurzer Blick aufs Display zeigt, dass Merdad anruft.
Ümran drückt ihn weg und küsst Thomas. „Vielleicht hast du doch recht mit dem Kamillentee, Schatz.“
Dann ruft sie Merdad zurück. „Hallo, Schatz. Ich war gerade auf der Toilette. Du weißt doch, dass Schwangere immerzu pinkeln müssen.“

Ich geh ja immer sehr früh mit dem Hund raus. Mir ist schon aufgefallen, dass diese Ümran oft drei Ecken weiter eine fremde Haustür aufsperrt. In dem Haus, in dem auch der dicke Starkoch wohnt.
Nachbar

Geburtsvorbereitungsgruppe in der Häberlstraße

Gruppengespräch über Ängste. Ümran hört mit gequältem Gesichtsausdruck zu, als Agnes neben ihr ihre Hauptangst formuliert: „Seit ich davon erfahren habe, dass die Fruchtblase platzen kann, hab ich total Angst davor. Das kann ja ganz plötzlich kommen. Der Teppich, das Sofa … alles voll versaut. Mit Fruchtwasser!!! …. Schrecklich.“
Ümran beachtet sie gar nicht. Merdad kann kaum einen Lachkrampf unterdrücken.
Dann sagt Ümran: „Ich habe Angst, dass das Baby weg ist. Dass ich mich kurz umdrehe und dann ist es weg.“
Merdad schluckt. Er sieht Ümran lange an.

Ümran hatte immer Ärger mit den Eltern, weil sie immer den Jungs schöne Augen macht. Sie will allen gefallen, eine Prinzessin sein und von allen geliebt werden.
Osman

Thomas hetzt verschwitzt in Osmans Werkstatt. Er ist mit seinen 150 kg ein echtes Schwergewicht und ein aufgehender Stern unter den Starköchen. „Haben Sie einen großen Wagen, den ich leihen kann?“ keucht er. „Muss schnell gehen, sonst schmelzen mir die Törtchen.“
Osman hat keinen Transporter. Nur die Stretch-Limousine steht auf dem Hof. „500 Euro die Stunde. Mit Chauffeur,“ sagt er. Das ist teuer. Aber Thomas willigt ein. Osman schiebt das Bargeld in die Hosentasche. Thomas‘ kaputter Transporter steht ein Stück die Straße runter. Nicht zu bewegen. Osman muss die Limousine zum Transporter bringen, damit die Törtchen umgeladen werden können. Es dauert. Es ist kompliziert, weil Osman die Sitze ausbauen muss, damit die Törtchen-Kühlbehälter eben stehen können. Thomas ist nervös.
Ümran kommt in der Chauffeuruniform aus dem Haus. Androgyn und wunderschön.
Thomas starrt sie an. Ümran starrt auf die goldene Aufschrift am Lieferwagen: „Mit Thomas Gott unter Göttern“. Sie kennt den Namen und Thomas‘ Gesicht aus dem Fernsehen.
Thomas sagt: „Sind Sie die Chauffeurin? Welch eine Fügung. Das ist göttlich.“

Ein Sommerfest im Nymphenburger Schlosspark

Die weiß gekleidete Schickeria speist auf der Terrasse. Es gibt Häppchen und viel Alkohol. Thomas kippt den Champagner gegen den Durst und hat bald gewaltig einen sitzen. Die Fotografen und Kameramänner konzentrieren sich zwar aufs Buffet und die prominenten Gäste, und doch lichtet man auch Thomas ab.
Als ein Fotograf fragt „Ist das eine Frau oder Ihre Muse?“ und auf Ümran deutet, wird Thomas ganz rot. Ümran streicht Thomas über den Bauch, lächelt und küsst ihn lange, damit das Bild scharf wird.

Ich war überrascht bei Ümrans Hochzeit. Diesen Merdad hab ich vorher nie gesehen. Es war ein Zufall, dass ich da war. Die Mutter des Bräutigams hat die Stretch-Limousine gebucht und ich kam als Chauffeur.
Osman

Der Schnee reicht bis an die Fensterstöcke. Thomas steht trotzdem hemdsärmelig vor der Alm und kehrt mit einem Besen die Holzscheite ab. Er schwitzt. Die schwangere Ümran kommt dick eingepackt heraus.
„Ich bin gleich fertig, Süße. Wo willst du denn hin?“
Ümran küsst ihn liebevoll auf die Backe. „Ich geh bisschen spazieren. Ich hab schon Kopfweh.“
Thomas schaut sie besorgt an. „Warte doch kurz. Ich geh mit. Du bist doch nicht so fit mit deinem dicken Bauch. Kommst ja eh nicht weit bei dem Schnee.“
„Lass mich doch. Ich fühle mich so eingesperrt. Du kochst und ich komme mit Appetit zurück.“
Ümran bahnt sich erstaunlich behende einen Weg Richtung Wald. Thomas huscht ein kurzer bewundernder Blick übers Gesicht.
Ümran steigt auf bis zu einer Anhöhe. Unterhalb liegt der weiß gezuckerte Wald, über ihr der Gipfel des Sonnwendjochs. Sie dreht sich im Kreis, bis sie ein schwaches Netz findet.

„Da ist irgendwas kaputt bei meinem Handy, Schatz. Ich brauche ein neues, wenn das so weiter geht.“
Merdad drückt sein Handy schmerzhaft an sein Ohr, während ihm ein Cocktail serviert wird. Schweiß läuft ihm von der Stirn. „Geht es dir denn gut, meine Süße?“ fragt er.
„Na ja. Ich weiß nicht. Wann kommst du zurück?“
Merdad schluckt. Aus dem Lautsprecher in der Bar scheppert „Jingle Bells“. Das schlechte Gewissen und der Cocktail plagen ihn sichtlich. Merdad stellt das Glas ab und haucht zuckersüß: „Erst nach den Feiertagen, aber Silvester bin ich da. Sei froh, dass du nicht dabei bist. Es ist unsagbar heiß.“ Rikschas brausen vorbei. Klingeln. Im Hintergrund der Tadsch Mahal.
Merdad schämt sich.
Auf Ümrans „Ich küsse dich“ antwortet er: „Ich dich auch. Halte durch.“
Am Waldrand trifft Ümran auf Thomas, der sich mit hochrotem Kopf abmüht. Bis in den Wald hat er es nicht geschafft. Im Tiefschnee steckengeblieben. Zu dick.

Geburt

Merdad sitzt am Steuer. Sein Blick hetzt hin und her zwischen der roten Ampel und dem Rückspiegel. Ümrans Haar klebt an ihrer Stirne. Sie ist ungeschminkt. Noch sind die Straßen leer, nur vereinzelt steigt ein Frühaufsteher im Morgennebel in sein Auto.
„Wir sind gleich da,“ sagt Merdad, um Ümran zu beruhigen, doch seine Stimme schnappt fast über vor Aufregung.
Ümran geht cool voran, Merdad trägt die Taschen. Angemeldet sind sie schon. Sie klingeln an der Kreißsaal-Glocke. Die dienstälteste Hebamme Dagmar macht auf. Es kann losgehen.

Ümrans Kreislauf spielt verrückt. Trotz strähniger Haare und nervöser Flecken ist Ümran immer noch eine Schönheit. Dagmar hat einen Narkosearzt geholt. In den Wehenpausen hantiert er an Ümrans ermattetem Körper, um eine Spinalanästhesie zu setzen. Merdad hält Ümran die Hände. Oder andersherum, Ümran die seinen. Wie es sich gehört, durchschneidet Merdad die Nabelschnur, als Lydia endlich da ist. Er hat ganz vergessen, seine Kamera auszupacken. Deshalb gibt es nur ein einziges Handyfoto.

Drei Wochen nach der Geburt trifft sich die Geburtsvorbereitungsgruppe in der Häberlstraße. Alle erzählen vom wichtigsten Ereignis ihres Lebens. Danach geht die Gruppe geschlossen in die Pizzeria nebenan. Gute Stimmung, gelöste Lacher. Der Kellner begrüßt Ümran mit Handschlag und fragt, ob sie ihren Mann diesmal gar nicht dabei hat. Merdad steht neben ihr.
„Doch,“ lacht Ümran, zeigt auf Merdad und zieht ihn weiter an den Tisch mit den anderen.
Sie erklärt belustigt, dass man sie wohl verwechselt hat. Sie war noch nie in dem Restaurant.

Der Kellner bringt Ümran einen Salat. Merdad wartet noch auf seine Pizza. Er wiegt das schlafende Baby, den Kopf zusätzlich mit der flachen Hand stützend. Die Hebamme erzählt gerade aus den 1980er Jahren. „Wir waren so wild damals. Wir haben die Geburten gefeiert und getanzt. Eine ganze Gruppe von Frauen, müsst ihr euch vorstellen. Wir haben sogar die Plazenta gegessen.“
Ümran würgt. Krampfhaft grabscht sie nach einer Serviette und wirft dabei den Salat um. Ein Ei landet im Blumenschmuck. Slapstick. Die Hebamme lacht laut und ansteckend. Merdad lacht auch. Eigentlich ist die Stimmung gut. Nur Ümran ist sauer. Sie knallt den Teller mit Wucht auf den Boden. Wütend rennt sie aus dem Raum, die Salatblätter kleben am Rock.

Solveig klingelt an der Wohnungstür. Unterhalb des Spions hängen rosa Addidas-Turnschuhe in Babygröße und eine Rassel.
„Gratulation, Mama Ümran,“ säuselt Solveig. Küsschen links und rechts. Weiter kommt Solveig nicht, denn Baby Lydia weint laut und heftig.
„Süß, die Kleine,“ sagt Solveig und hält Ümran ihre Geschenke entgegen: Prosecco und einen offensichtlich zu großen Strampler. Es ist unklar, wie Ümran die Geschenke in Empfang nehmen so. Beide stehen unschlüssig voreinander, getrennt von Baby und Prosecco. Schließlich stellt Solveig alles ab, um Ümran das Baby abzunehmen. „Soll ich sie mal halten?“ Ümran schüttelt den Kopf.

Mai

Es ist weit nach Mitternacht. Merdad schreckt aus dem Tiefschlaf. Momentan weiß er nicht, wo er sich befindet. Neben dem Bett stehen schon die gepackten Koffer für die Reise nach Teheran. Heftiges Gebrüll ist aus dem Wohnzimmer zu hören.
„Was hat sie denn?“ fragt Merdad. Ümran wischt sich die fettigen Haare aus dem Gesicht. „Sie hat die Windel voll. Lass nur, ich mach das schon,“ antwortet Ümran gereizt. „Geh doch schlafen.“
Merdad will aber helfen. Und Ümrans Schlafmangel zeigt sich in dunklen Augenringen.
„Gib sie mir. Ich kann das doch auch schaffen. Ich bin doch der Vater.“
„Nein, nein. Wickeln magst du doch nicht so.“
„Stimmt,“ antwortet Merdad.
Er holt schnell seine Kamera und macht ein paar Bilder von Baby Lydia.

Wir haben das Baby nie zu Augen gekriegt. Aber Ümran hat den Kontakt mit der Familie sowieso schon vor Jahren abgebrochen.
Osman

Am einsamen Morgen nach seiner verzweifelten Nacht ohne Ümran und Baby Lydia kocht sich Merdad einen starken Kaffee mit der Espressokanne. Er ist totmüde, doch er schöpft neue Kraft, und zwar dank einer Idee. Merdad schaltet Ümrans Laptop an und durchforstet den Browserverlauf. Neben Ebay und Facebook sind da nur Reiseportale. Er lächelt. Merdad hat keine Ahnung. Er denkt, Ümran macht Pläne für den Sommer.
Doch als er einen Screenshot mit einer Buchung für das aktuelle Wochenende entdeckt, gefriert ihm sein Wohlwollen im Gesicht. Anreise: Zwei Erwachsene, ein Kind.
Das kann nicht sein.
Der Kaffee tut seine Wirkung. Merdad atmet stoßweise. Er geht ins Schlafzimmer, ins Wohnzimmer, ins Bad. Gegenüber rauchen schon wieder die Jugendlichen auf dem Balkon. Die Dogge bellt nebenan. „Maul!“ schreit Merdad und weiß nicht weiter. Eine Sekunde lang will er seine Mutter anrufen. Doch als er das Telefon in der Hand hält, schüttelt er den Kopf. Statt dessen scrollt er sich so lange durch die Kontakte, bis er schließlich Omans Nummer findet.

„Auto Yildiz. Grüß Gott.“
„Osman …?“
„Nein, Aikut Yildiz, sein Sohn. Kann ich helfen?“
„Ist Osman da?“
„Leider nein. Sie können ihn gern Montag erreichen.“
„Ich bin sein Schwager, Ümrans Mann. Ist sie vielleicht da?“
Pause.
„Ist sie mit Osman weggefahren?“
„Welche Ümran? Tut mir leid, keine Ahnung. Rufen Sie am besten Montag nochmal an. Auf Wiederhören.“
Merdad sinkt in sich zusammen. Er sieht aus wie ein alter Mann.

Schwarzseherei macht doch schlechte Laune. Ich sehe das Leben so: Genießen, was geht, und heulen, wenn es nicht anders geht. Gehört übrigens zur psychologischen Grundausbildung bei unserer Fluglinie.
Greg

Es wiederholt sich die bereits bekannte Szene:

Auf dem Weg zum Flughafen zieht Merdad, fesch in seiner Uniform, seinen Rollkoffer durch das Marsfeld in Paris. Er hält inne und atmet tief ein, als könne er den Eiffelturm in sich hineinsaugen. Sein Schwenk mit der Spiegelreflexkamera stoppt in der Bewegung, als Ümran im Bild erscheint. Sie füttert lachend die Tauben und winkt einer unsichtbaren Person zu. Merdad versucht, näher an sie ranzuzoomen, aber Ümran springt ihm aus dem Bild.

Was Merdad nicht sieht:

Ümran steht nun mit Thomas vor dem Eiffelturm in Paris. „Essen mit Gott in Frankreich“ heißt die Fernsehreihe, deren Star Thomas Gott ist. Thomas, der Koch, entführt den Zuschauer nach Frankreich und kocht an unterschiedlichen, aber immer imposanten Orten mit den örtlichen Meisterköchen.

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https://www.youtube.com/watch?v=bwNA3GysKjc

Paris ist die erste Station. Alle sind aufgeregt. Aber Ümran darf nicht mit in den Aufzug. Sie ist unwichtig und es gibt keinen Platz. Thomas und das Drehteam sortieren die Equipment-Koffer und telefonieren. Thomas bemerkt sehr wohl, dass Ümran beleidigt ist.
„Das dauert sicher seine Zeit. Willst du wirklich auf mich warten?“
Ümran nickt und wartet geduldig. Sie zupft Thomas ein Croissant aus der Manteltasche, das sie an die Tauben verfüttert. Sie sieht auf die Uhr. Sie sieht hinauf zum Restaurant.
Allmählich tummeln sich die Touristen, bilden Schlangen an den Kassen. Ümran langweilt sich. Ein Mann in einer Lufthansa-Uniform erregt ihre Aufmerksamkeit. Sie beschließt, doch ein früheres Flugzeug zu nehmen.

Sonntag in der Früh um 8 zu klingeln ist schon ein starkes Stück. Ich war müde, nicht sauer. Ich hab mir gleich gedacht, dass was passiert ist mit dem Baby. Aber es war gar nicht diese Wahnsinnige mit dem Baby, sondern ihr Mann. Er hat sich über das Hundegebell beschwert. Ich hab gleich mit dem Baby-Geplärre von vom Vortag gekontert. Und ich hab ihm von dem „Arschloch“ erzählt. Nochmal lasse ich mir das nicht bieten.
Nachbar

Merdad hat Mühe mit seinem Leihwagen. Erst will er sich ein Car 2 Go Auto nehmen, kommt aber mit der App nicht zurecht. Nichts klappt.

Die passende App runterzuladen, dauert endlos. Merdad hat keine Geduld. Dann muss er sogar nochmal rauf in die Wohnung, sein Handy hat nur noch 11 Prozent Saft. Schließlich mietet er doch ganz klassisch ein Sixt-Auto, einen Smart. Kein Familienwagen. Warum, wundert Merdad selbst. Nach sinnlosen Minuten im Schönwetter-Stau kommt er in Oberaudorf an und findet den Huber-Hof. Als er einen Traktor sieht, hält er, steigt aus und fragt nach dem Weg zur Alm. Es ist Berni selbst, auf den er trifft. „Da hast a saubers Massel,“ sagt der Berni. „I fahr eh grad auffi mitm Unimog.“

Merdad kennt keine Eifersucht. Er sieht gut aus, die Frauen laufen ihm nach. Merdad kommt nicht auf die Idee, dass er mal nicht die die erste Wahl sein könnte. Er ist der, der wählt. Untreue spielt für ihn keine Rolle. Er kann sich ja nicht vorstellen, dass einer besser ankommt als er selbst.
Greg

Merdad lehnt Bernis Angebot ab. „Ich hab von der Alm gehört und dass es da oben so schön ist“, tastet Merdad sich voran.
„Schee scho, aber ned frei,“ antwortet Berni und erklärt, dass die Alm übers Wochenende von Stammgästen belegt sei. Merdad fragt nach alternativen Wandertouren und geht scheinbar enttäuscht zu seinem Wagen zurück.

Berni parkt den Traktor und steigt um in den Unimog. Die fetten Reifen hinterlassen tiefe Spuren in der durchweichten Wiese. In der Kurve winkt Berni Merdad nochmal zu.
Merdad beobachtet genau, wohin der Unimog abbiegt. Es sieht steil aus. Nichts für einen Smart. Nach einer kurzen Überlegung drückt er auf die Fernbedienung und lässt den Wagen am Bauernhof zurück.
Immer wenn sich der Wirtschaftsweg gabelt, folgt Merdad den Erdklumpen, die der Unimog hinterlassen hat. Merdad ist ganz verwirrt. Manchmal dreht er sich im Kreis oder geht ein paar Schritte bergab. Dann holt er wieder sein Handy aus der Hosentasche. Es gibt aber keine neuen Nachrichten, keine verpassten Anrufe. Mag sein, weil er kein Netz hat. Aber Merdad würde es auch nicht wundern, wenn einfach nichts passiert. Als ob die Welt bremst.
Merdad geht einfach immer weiter den Reifenspuren nach. Kurz vor einer Lichtung versteckt er sich, weil Berni mit dem Unimog vorbeikommt und eine Ladung Holz bergab transportiert. Merdad lehnt sich hinter einen Baum und steckt sich interesseshalber Taubnesselblüten in den Mund, die dort wachsen. Daneben plätschert der Bach.

Haloperidol verwenden wir natürlich nur bei stationären Patienten.
Psychiater

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https://youtu.be/6d0WfUaWojA?t=27

Nun steht Merdad mit hochroten Kopf am Waldrand und betrachtet die Alm aus der Entfernung. Er schnauft nicht nur, weil er einen steilen Anstieg hinter sich hat. Sein Herz pocht wie verrückt. Er bleibt lange stehen. Er weiß nicht, ob er wirklich sehen will, was er ahnt. Er raucht eine Zigarette nach der anderen. Dann geht er los.

Es stand sogar in der Bild-Zeitung. Schon allein, weil dieser Starkoch Thomas Gott ein Promi ist. Alle haben sich das Maul zerrissen.
Greg

Als Merdad Ümran mit Thomas in der Hütte überrascht, wirken die drei wie eine Familie. Das Baby auf der Krabbeldecke in der Stube. Thomas am Kochen, Ümran singt.

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https://youtu.be/wN4Rbc6HSPY?t=11

„Was?“ flüstert Merdad. Betrogen, hintergangen, verarscht. Ein Schlag ins Gesicht und überall hin. Tief verletzt öffnet Merdad den Mund und brüllt wie ein Dreijähriger. Wie ein Außerirdischer im Film Bodysnatcher.

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https://youtu.be/wTP_SdjD5ms?t=80

Mit verzerrtem Gesicht. Jedoch tonlos. Als hätte man den Fernseher auf stumm gedreht. Überlaut hingegen das brutzelnde Fett in der Pfanne. Es spritzt und knallt. Laut und gefährlich. Thomas reagiert nicht. Er starrt Merdad an. Sein Körper ist wie eingefroren. Er sieht die Enttäuschung und Verzweiflung in seinem Gegenüber, versteht aber nicht, warum.

In Merdads Kopf fügt sich gleichzeitig alles: Der Kellner im Restaurant, Osman bei der Hochzeit, Greg. Merdad sieht sich von außen, wie in Zeitlupe, so als schwebte er mitten im Raum. Das Kind, Ümran und der Koch. War das auch ein Film, der so hieß oder ein Märchen?

Ganz schön dreist, die Ümran. Würde ich mich nie trauen. Das nenne ich Chuzpe. Offiziell heißt das Narzissmus. Angeblich eine Krankheit.
Solveig

Krank. Von wegen Idylle. Alles krank. Es stinkt. Es stinkt angebrannt.

Langsam lösen sich alle aus der Schockstarre. Wie im Märchen von Dornröschen erwachen sie aus einem hundertjährigen Schlaf. Baby Lydia fängt an zu schreien. Ümran sucht nach dem Schnuller. Thomas nimmt die Pfanne von der Herdplatte. Doch das Fett spritzt noch immer. Es spritzt auf Thomas, der so durcheinander ist, dass er gar nicht mehr weiß, was er überhaupt kochen wollte.

„Pass auf!“ schreit Ümran. Sie rappelt sich hoch, will ihm die Pfanne abnehmen. Sie meint das Fett. Merdad mißversteht das total. Er nähert sich Ümran. Das Baby schreit schon wieder. Ümran stiert auf Thomas, versteinert. Thomas dreht sich, stellt die Pfanne weg, will schnell sein, um das Kind zu schützen.

Es sieht aus wie ein Tanz, dem die Musik fehlt. Wie eine Oper mit einem unsichtbaren Dirigenten.

Merdad hält ein, Ümran verharrt in ihrer gebückten Haltung, Baby Lydia strampelt und Thomas dreht sich wie ein Kreisel. Noch mit dem Schwung der Drehung verlagert er seinen Schwerpunkt nach vorne und macht einen Schritt.

Ümran schaut Thomas erschrocken an. Unter ihm die Krabbeldecke auf dem blanken Dielenholz. Eine Falte schiebt sich zusammen. Thomas schlittert nach vorn, rutscht. Er streckt beide Arme aus, Merdad entgegen. Doch der weicht zurück.

Thomas greift ins Leere, stolpert und fällt auf das Baby. Patsch!

Riesenschlagzeile natürlich: Starkoch zerquetscht Baby. Unvorstellbar.
Greg

Der Psychiater führt einen Reporter über ein parkartiges Gelände. Grüne Rasenfläche, Bäume in Reih und Glied.
„Leider schlägt das Haloperidol noch nicht wie gewünscht an. Trotz nicht vorhandener Negativsymptomatik. Atypisch sozusagen. Sie dürfen sich von einem Interview also nicht zuviel erwarten.“
„Ich dachte, die Diagnose lautet Narzissmus.“
„Ach, wissen Sie, da geht das eine ins andere über. Jahrelang ist die Patientin wie ein Schmetterling von Liebesaffäre zu Liebesaffäre gehüpft. Immer auf der Suche nach Bewunderung, immer auf der Flucht vor Verpflichtung. Um sich selbst allmächtig zu fühlen, hat sie ihre Umgebung wie Marionetten um sich gruppiert. Parallelwelten, die sie wie Schubladen öffnet und schließt. Beinahe hätte es geklappt.“
„Kam der Schlag mit dem Tod des Kindes oder mit dem Aufdecken ihres Doppellebens?“
„Das wissen wir nicht. Entweder sie lügt oder sie schweigt.“

Der Reporter kämpft mit seinem Weitwinkel-Objektiv. Fischauge ist angesagt.
Ümran sitzt am Fenster. Die Wände strahlen in Mai-grün. Draußen ist es schon grau. Ab und zu führt eine unkontrollierbare Muskelkontaktion zu minutenlangem Zittern.

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