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Die Alm

Harald stirbt

Alpenpanorama am frühen Morgen. Ein weites Tal, ein Dorf und sein Kirchturm. Ein Wirtschaftsweg führt an einer Kapelle vorbei durch einen dichten Wald hinauf zur einer Almwiese, auf der die Jungstiere grasen. Über einer Kuppe eine einsam stehende Almhütte. Ein Bild wie eine Postkarte: Der Gipfel des Sonnwendjochs im Hintergrund, wabernder Morgennebel um die Hütte, vor der ein Brunnen plätschert. Kein Strommasten, keine Straße, keine Menschen. Das Bild friert ein und wird durch einen Klick abgelöst von der Eingabemaske eines Buchungsportals.

 

Harald wird eingegeben.

buchungsportal-grafik

Berni und ein Streifenpolizist steigen direkt vor der Alm aus dem Unimog. Die Eingangstür steht offen. Berni ist aufgeregt. Der Mieter ist verschwunden

Berni erzählt

Ich hab da eine Anzeige bei AirBnB. Harald hat die Hütte online gebucht und beim Vater eine Woche gezahlt. I selber war ned dabei.

„A Woch oder zwoa?“ fragt der Bauer Huber – 70, Bierbauch, Zigarette. In der Stube sitzt er Harald auf der Eckbank gegenüber. Das Laptop steht auf dem massiven Eichentisch. „Zwei Wochen, vielleicht länger,“ antwortet Harald und zählt die 280 Euro in bar ab.
Der alte Huber schiebt die Scheine in seine Hosentasche und holt den Obstler aus dem Eckschrank und winkt Harald damit zu. „Danke, nein. Ich trinke keinen Alkohol,“ sagt Harald. Der Huber ist unbeeindruckt, schenkt sich selber ein Stamperl ein und kippt es hinunter.
„Host vui zum Tragn? Dann fahrt di der Berni nauf,“ fragt er.
Harald lehnt ab. Er hat alles, was er braucht in seinem Rucksack. (Modell Yukon, 239 Euro)

Mitbewohnerin Susa erzählt

Ich kannte ihn kaum, ich war gerade eingezogen. Das Zimmer war nicht teuer, da nahm ich den alten, seltsamen Vermieter in Kauf.

Es klingelt. Ein junges Mädchen steht vor der Tür. Sie schiebt ihre Kopfhörer in den Nacken und streckt die Hand aus. „Susa,“ sagt sie mit skandinavischem Akzent. „Wegen diese Zimmer.“

Harald führt sie in die Wohnung. Er sieht alt neben ihr aus. 50 eben. Sie wirft einen unkritischen Blick in die Küche, bemerkt nicht, dass Harald aufgeräumt hat. Das zu vermietende Zimmer liegt gegenüber der Küche. „13 qm. 450 € im Monat warm.“

Susa nickt erfreut. Haralds Blick klebt an Susas Busen.

„Was ist das denn für ein tolles T-Shirt, das du da anhast?“ Sie blickt an sich selbst herunter. Sie hat keine Ahnung, was sie für ein T-Shirt trägt. „Das sind die drei Nornen. Du weißt schon, drei Schicksalsgöttinnen, die Fäden spinnen.“

„Aha,“ antwortet Harald. Susa zeigt einen Youtube-Clip aus der neuesten Macbeth-Verfilmung. Die drei Nornen vor dem nebligen Schlachtfeld.

Mitbewohnerin Susa erzählt

Ich bin dann eingezogen.

Susa sperrt die Wohnungstür auf. Im Hausflur geht das Licht aus. In der Wohnung ist es auch duster.
„Hallo?“ ruft Susa laut. Es kichern die Freundinnen hinter ihr.
„Haha, wie im Horrorfilm,“ tönt May. „Ich bin gespannt auf Mr. Bates.“
Susa geht mit ihrem Rollkoffer voran durch den halbdunklen Flur und zeigt den Freundinnen auf diese Weise den Weg zu ihrem Zimmer.
In diesem Moment kommt Harald aus dem Bad, die Haare nass, untenrum eine alte Pyjamahose.
„Huch,“ sagt er und dreht gleich wieder um, zurück ins Bad.
Nach einem Moment des Schocks holen die Mädchen Luft. May und Britta tragen einen Umzugskarton hinter Susa her. „Er war in der Dusche!“ flüstert May. Britta zieht die Luft duch die Zähne, so dass ein Horrorfilm-Sound entsteht. (Die drei Frauen bilden ein Gruppenbild, das den drei Macbeth-Nornen entspricht) Lachkrampf.

Susa erzählt

Er war komplett der Spinner. Völlig romantisch, was die Natur angeht.

Harald schlendert ziellos im Globetrotter-Store bei den Buschmessern und Wurfäxten umher, kauft schließlich eine Outdoorjacke mit 1200 mm Regensäule für 389 Euro und bahnt sich schließlich durch Gruppen von Kleinkindvätern seinen Weg nach draußen. Obwohl sich schon deutlich ein Regenguss erahnen lässt, nimmt Harald die neue Regenjacke nicht aus der Plastiktüte. Nein, er setzt wie zum Trotz nicht mal den Fahrradhelm auf. Er radelt einfach los.

Mutter Gisela erzählt

Harald hat Philosophie und Germanistik studiert. Ich wünschte, er hätte mehr zu Papier gebracht.

Harald schlitzt ein Lieferpaket mit einem Teppichmesser auf. Die Poststelle besteht aus zwei Computer-Arbeitsplätzen und Packtischen an der Wand. Ein IKEA-Expedit-Regal dient als Raumtrenner. Aus einem Nebenraum dringen Druckergeräusche.
Während Harald die 1000 Stück-Briefumschläge-Schachteln aus der Umverpackung hebt, erscheint der Kopf einer älteren Türkin im Türspalt. „Was hast du denn da schon wieder gemacht, Harald?“
Harald zuckt leicht erschrocken zusammen.
Die Türkin zeigt mehrere Umschläge mit offensichtlichen Fehlern im Adresslabel. Sie schüttelt den Kopf und sagt: „So geht das nicht. Noch so ein Fehler und …“

Sören erzählt

Harald tat mir immer leid. Eigentlich ein Versager. Ich hab ein paar Wochen bei Harald gewohnt, als mich meine Ex rausgeschmissen hat. Der Kontakt ergab sich über die Versicherung, wo wir beide arbeiteten.

Pause.

Auf dem Weg zur Kantine bilden sich Gruppen und Grüppchen, nur Harald bleibt allein. Er wählt einen kalorienarmen Ceasar-Salat und ein Wasser, liest seine Karte ein und scannt den Saal nach freien Plätzen. Ein 30jähriger Mann in Businesskleidung und einem Namensschild am Revers (Logo + Rechtsabteilung + Dr. Müller) winkt ihm zu.

„Hallo, Sören,“ sagt Harald und setzt sich zu ihm. Sören isst ein Schnitzel mit Pommes und steckt vor jedem Wort eine neue Gabel in den Mund.

Sören: „Und hast du schon wen?“

Harald: „Ich hab in dem Portal „WG-gesucht“ inseriert. Bis jetzt hat noch niemand geantwortet.“

Sören: „Ja, das kam überraschend mit meiner neuen Wohnung. Aber toll, dass ich die Zeit bei dir überbrücken konnte. Willst du die Kohle gleich bar? Hätte ich dabei.“

Harald: „Gerne. Das kommt mir sehr gelegen.“

Sören holt seinen Geldbeutel aus der Gesäßtasche und blättert 400 € auf den Tisch. Grinsend legt er noch eine Konzertkarte dazu. „Hier noch, als Dankeschön. Morbid Angels. Ich hol dich ab, wenn du willst. Du hast ja kein Auto.“

Harald hat offensichtlich keine Ahnung, um was für ein Konzert es sich dabei handelt. Sprich Gesicht: Fragezeichen. Er bedankt sich artig und isst seinen Salat.

Sören erzählt

Ich denke, der hat sich umgebracht. Flucht vor dem Leben. Ich hab versucht, ihn aus seinem Schneckenhaus zu holen. Ging gar nicht.

Sören parkt sein Auto vor dem Backstage unter der Brücke. Die Seitenspiegel klappen von selbst ein, als er auf die Fernbedienung drückt. Harald fühlt sich unwohl. Er sieht aus wie immer: Jeans, Hemd, Softshelljacke. Sören hingegen zieht seinen Businessanzug im Auto aus. Harald steht Schmiere, falls jemand kommt. Sören trägt jetzt Lederhose und Band-T-Shirt.
„Frechheit, dass die dich rausschmeißen,“ sagt Sören. „Aber war eh nicht deins.“
Harald nickt halbherzig. „Hat auch sein Gutes. Jetzt muss ich diese Tretmühle nicht mehr mitmachen. Schleimen für Geld, konsumieren bis zur Rente… Ich wollte das sowieso nie.“

Die beiden reihen sich in eine Schlange mit tätowierten Kraftmeiern. Aus der Halle dringt eine laute Klangsoße und Geschrei. „Death Metal,“ sagt Sören grinsend.
In der Halle ist es recht dunkel. Schemenhaft zeichnet sich ein Publikum ab. Harald folgt Sören zunächst an die Bar. Harald nimmt ein Wasser, Sören ein Bier. Dann pflügt Sören den Weg durch die Menge in Richtung Bühne. Just als sie im dichten Gedränge steckenbleiben, fliegt ein Bierbecher über alle Köpfe hinweg und trifft genau auf Haralds Ohr. Sören klopft ihm anerkennend auf die Schulter und tanzt sich mit seinem schwappenden Bierbecher in die Gruppe der Fans hinein.
Harald braucht eine Weile, bevor er sich in Bewegung setzt. Im Klo versucht er sein nasses Hemd zu föhnen. Haralds Eigenwahrnehmung zeigt ihn mit nacktem Oberkörper an einem Wasserfall. Er häutet ein Kaninchen, das er gleich braten will.
Die nassgeschwitzten Klogänger kommentieren mit blöden Sprüchen: „Oben ohne, Darling?“ oder „Wet-T-Shirt-Queen“.

Mutter Gisela erzählt

Ich weiß selbst, dass das Altern schwer zu ertragen ist. Mit 50 hat fast jeder eine Krise.

„Alles Gute zum Geburtstag,“ sagt Eva in der offenen Tür.
„Danke,“ antwortet Harald.
Der Geburtstagstisch ist gedeckt. Evas halbwüchsige Kinder sitzen schon vor ihrem Kuchen. Eva schenkt Tee ein und lädt Harald gleich drei Stück Torte auf seinen Teller. Dann verschwindet sie in der Küche. Die 70jährige Mutter Gisela überreicht Harald ein Buch – „Wofür es sich zu leben lohnt“ (Pfaller, Philosophie) – als Geschenk. „Und was hast du noch vor?“ fragt sie. „Bleibst du zum Essen?“
„Geht nicht. Ich muss heute Abend zu Hause sein. Ich hab eine neue Untermieterin.“
„Das ist blöd. Wir haben dir übrigens als Geschenk ein Ein-Mann-Zelt gekauft. Für dich und dein Leben in der Wildnis.“

Sören erzählt

Er war so steif und unsexy. Keine Frau, keine Kinder. Und auch noch arbeitslos. Da lief rein gar nichts. Auf keiner Ebene. Ich sag nur: Selbstmord.

Die Personalchefin trägt Businesskleidung, ihr Schreibtisch ist leer. Das Logo „Bayerische Versicherungskammer“ in die Glastür sandgestrahlt, natürlich seitenverkehrt von innen zu sehen.

„Sie haben die Email gelesen, die ich letzte Woche geschickt habe?“

Harald nickt.

„Zwei Mitarbeiter in der Poststelle sind nicht mehr finanzierbar. Kosten sparen ist gegenwärtig die einzige Option. Das Segment Lebensversicherung ist ja praktisch vom Markt. Das drückt natürlich bei den Gewinnen. Da müssen wir schrumpfen, es geht gar nicht anders…“

Harald sitzt am Computer in seinem Zimmer und schreibt einen Lebenslauf. Abitur, Philosophiestudium, mehrere Jobs als Produktionshelfer. Er hört, wie die Eingangstür aufgesperrt wird. Er erhebt sich, erfreut über die Unterbrechung. Doch als er seine Zimmertür öffnet, klappt ihm das Kinn runter. Susa hat einen rothaarigen Hühnen mit Männerdutt dabei. „Schönen Abend,“ stammelt Harald und schließt wieder seine Tür. Sanfte Musik dringt durch die Wand. Spotify, die Island-Playlist. Vök und so.

Harald ist unkonzentriert, macht viele Tippfehler. Schließlich klickt er sich weg von seinem CV.

Eine Werbung der Seite Urlaubspiraten sticht ihm ins Auge: Die Alm.​

 

Harald räumt seine persönlichen Sachen in den Keller.

Der Servicemann, der die Treppe putzt, füllt gerade seinen Eimer in der Waschküche.

„Ziehen Sie aus?“ fragt er Harald.

„Nein, noch nicht. In einigen Wochen vielleicht, ich will ja auswanderen. Aber momentan mache ich nur Platz für meine Mitbewohnerin … äh … meine Freundin aus Schweden.“

„Untermieter sind nicht erlaubt.“

„Das weiß ich schon. Sie verbringt die Ferien hier.“

„Möchte ich auch mal so. Richtig lang Ferien. Aber ich hab drei Jobs. Schwer zu koordinieren. Und lange Urlaube sind auch zu teuer. Naja, das ginge schon, wenn man nicht so eine hohe Miete hätte. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie auswandern? Ich suche nämlich eine günstige Wohnung.“ Der Hausmeisterservice-Mann zückt seine Visitenkarte und überreicht Sie Harald wie einem Business-Partner.

Es ist Abend. Harald und Susa sitzen in der Küche.
Susa hat Kuchen gebacken. Harald hat Tee gemacht. Es sieht gemütlich aus. Kerzen brennen. Harald ist glücklich.
Susa fragt: „Und was hast du jetzt vor?“
Harald holt eine Landkarte aus seinem Zimmer. Kanada.
„Kanada. Keine Angst, noch nicht sofort. Das dauert noch. Aber bald gehe ich für immer in die unberührte Wildnis, ganz weit weg von allen Menschen. Ich bau mir dort eine Hütte.“ Er tippt mit einem Zeigefinger auf einen Punkt auf der Kanada-Karte.
„Aber wenn der Winter sehr kalt ist? Das ist gefährlich, so ganz allein.“ Susa trinkt den Tee mit einem Frösteln im Blick.
„Das ist eine Frage der Vorräte. Holz hacken im Sommer. Und Vorräte anlegen. Außerdem bin ich gar nicht so naiv. Ich mache nächste Woche einen Probelauf. Hab schon eine Alm ohne Strom und ohne fließendes Wasser gemietet. Zum Üben. Auch das Übernachten in der freien Natur.“
Susa sieht auf die Uhr. Sie ist verabredet. Kanada ist für sie der volle Abtörner – Langeweile pur. Im Aufstehen sagt sie: „Ich war in den Ferien mal ganz im Norden, in Norrland, in Luleå. Ganz schön öde.“
Harald plaudert vor sich hin.
„Ich muss gar nicht groß im Luxus leben, das stört eher. Viel Natur, auf das Wesentliche konzentriert. Das wollte ich eigentlich schon immer. Ich weiß gar nicht, warum ich so lange gewartet habe, bis ich meine Träume konkretisiere. Ich bin glücklich, dass ich arbeitslos bin. Jetzt beginnt mein neues Leben. Nächste Woche bin ich weg.“

Susa erschrickt: „Schon nächste Woche? Und ich? Ich bin doch gerade erst eingezogen. Ich kann nicht so schnell ein neues Zimmer finden.“

„Musst du nicht. Du bleibst. Wenn ich weg bin, kannst du die Wohnung haben.“

Susa hört gern, dass die bald allein in der Wohnung bleiben wird. Ihre Gedanken sind schon bei den Partys und den Freunden, die sie übernachten lassen wird.

Eva erzählt

Wir sind als Kinder schon gern in die Berge. Harald kann nicht abgestürzt sein.

Harald steigt auf. Er ist fit. Er atmet leicht.
Der Wirtschaftsweg führt durch einen dichten Nadelwald. Etwa einen Kilometer vom letzten Haus entfernt, kommt Harald an einem unbesetzten kleinen Parkplatz vorbei. Es nieselt leicht.
Weit und breit kein Mensch. Harald genießt das. Er lauscht den Vögeln, er saugt die Luft ein. Eine Kuh steht in einigem Abstand zu ihm hinter einem Baum. Harald holt sein Handy raus. Er will ein Foto machen. Er schleicht sich näher an die Kuh heran. Eine schöne Kuh. Klein und mit langem Fell. Sie steht unter einem ebenso schönen und großen Baum, einer offenbar uralten Eiche. Harald führt Selbstgespräche: Was ist das? Eine Kuh im Wald .. eine komische Kuh. Und so eine riesige Eiche auf 1400 Höhenmetern … Er macht ein Foto. Baum-Kuh-Wurzeln.
(Es handelt sich tatsächlich um eine Kuh, ein Galloway-Rind. Auf der Alm gibt es im Sommer nur Stiere. Es ist aber schon Ende Oktober, der Almabtrieb seit Wochen vorbei. Die Kuh gehört bestimmt nicht dem Bauern. Auch der Baum gehört nicht zum Wald des Bauern.)
Als Harald den Wald hinter sich lässt, hat er das Gefühl, dass ihm die Kuh folgt.

Völlig unerwartet öffnet sich der Himmel und lässt die Sonnenstrahlen gebündelt hervorblitzen. Sie treffen Harald wie ein Spotlight ins Gesicht. Er bleibt einen Moment stehen und genießt die Ruhe. Dort wo Wald und Wiese aufeinandertreffen, wo der Wirtschaftsweg um einen Felsen biegt, plätschert ein Mini-Wasserfall herunter. Harald zippt seine Karabiner-Tasse vom Rucksack. Unglaublich praktische Erfindung: Tasse mit Karabinerhaken als Griff.
Ein Schluck reinstes Quellwasser, erfrischend natürlich. Harald trinkt und wäscht seinen leicht verschwitzten Nacken. Wie eine Ikone steht er da. Wie der junge Luis Trenker. Wenn ihn nur jemand sehen könnte.
Er scannt die Umgebung nach Zeugen. Keiner da. Auch die Kuh ist weg.

Nach einem kurzen Stück über eine Graskuppe tut sich das Tal mit der Alm auf. Sie steht mitten in der Wiese, im Eingangsbereich eingefasst von einem Holzzaun, der das Vieh fernhalten soll. In 30 Meter Abstand die Tränke und ein Verschlag als Unterstand für die Kühe.
Das Wetter ist trocken, keine Kuh in Sicht. Nicht einmal am Horizont, wo wieder der Wald beginnt.
Harald zieht den Schlüssel aus der Hosentasche und sperrt auf.

Berni erzählt

Harald ist seltsam gewesen, kauzig. Halt übers Internet gebucht. Die Ausstattung war teuer und modern. I hob denkt, der Harald is ein erfahrener Alpinist. Wahrscheinlich.

Eine Strähne klebt klatschnass vor Haralds rechtem Auge. Er schüttelt den Kopf, um sich von der Sichteinschränkung zu befreien. Geht nicht. Er versucht, sich mit dem Ellenbogen über das Gesicht zu wischen, aber der Helm lässt das nicht zu. Durch die Bewegung geräht er ins Schlingern und dreht sich mit dem Oberkörper, der im Kajak steckt, nach unten.
HIER Freeze Frame – Haralds TOD –
Für einen kurzen Moment weiten sich seine Augen vor Schreck, dann aber stößt er an den Beckenrand und treibt nach oben. Er ist ein wenig unzufrieden, als ihm der freundliche Globetrotter-Mitarbeiter die Schwimmweste und den Helm abnimmt.

Eva erzählt

Harald träumte immer von einem Leben in Kanada. Frei in der Natur. Wie ein Trapper.

Fanfaren. Völlig überzeichnet, das verfremdete Bild Haralds von sich selbst: Heldenhaft und sportlich. Wie ein Trapper im vorigen Jahrhundert sieht er aus. Der Schneeregen peitscht ihm ins Gesicht, doch er friert offenbar nicht. Er steht auf einem Berg und blickt in die Weite der kanadischen Wildnis.

Der Mitreisende aus dem Zug erzählt

Der Mann war komisch. Total unlocker. Kann schon sein, dass er sich umbringen wollte.

Die Fahrt zur Hütte

Im Automaten-Bereich am Hauptbahnhof lungern Jugendliche herum. Als Harald aus dem Menü das Produkt Oberaudorf One way wählt, wird er von einem jungen Mann in Tracht angesprochen. „Wir könnten zusammen ein Bayernticket nehmen,“ sagt er. „Ich muss nach Kiefersfelden. Quasi der gleiche Weg und zum halben Preis.“ Obwohl der Vorteil offensichtlich ist – statt 19,90 € nur 25 € /2 = 12,50 € – zögert Harald kurz. Dann nickt er.

Der Zug ist ein älterer Jahrgang, die Sorte mit den gegenüberliegenden Sitzplätzen. Kann als Vorteil oder Nachteil betrachtet werden. Bei einem ICE-Abteil hätte der Trachtler sich vielleicht sogar direkt neben Harald gesetzt, so aber – im Coupé – kann der Mindestabstand gewahrt werden. Dennoch ist ein Gespräch unvermeidbar.

Zugspitzbahn // Foto: Robert AllmannDer Trachtler heißt Jürgen und ist Student an der TU.

Nächster Halt Aßling. Einer raus. Keiner rein.

„Für die Alm ist es jetzt aber zu spät. Die Viecher sind schon herunten. Aber sonst, so zum Bergsteigen passt’s eh. Sind Sie im Alpenverein?“

„Nein, ich hab die Hütte im Internet gefunden. AirBnB.“

Jürgen lacht laut auf. „Der Huber Berni aus Oberaudorf, stimmt’s?“ Harald nickt überrascht.

„Der Berni macht einen jeden Scheiß,“ sagt Jürgen.

Halt Ostermünchen. Warten. Nichts.

„Du kennst ihn?“ fragt Harald vorsichtig.

„Freilich. Der Berni war nie gern droben auf der Alm. Und so dastehen lassen wollt der alte Huber die Hütte auch nicht. Sonst gehen da noch die Kiffer rein in der Nacht.“

„Ach? Ist die Hütte denn so nah am Dorf?“ Dann könnte Harald die ganze Aktion sofort knicken.

„Gar nicht. Wenn einer gut ist, dann geht er mindestens a Stund. Ohne Rucksack und Zeug. Aber mitm Unimog oder Jeep kommt man a nauf natürlich. Wenn man einen hat. So wie der Berni halt.“

Großkarolinenfeld.

„Ich erhoffe mir eigentlich, dass die Hütte möglichst einsam liegt. Es handelt sich um einen Probelauf für Kanada. Das Leben in der Natur.“

„Into the wild,“ donnert Jürgen in einem amüsierten Ton.

Rosenheim wird angekündigt. Die wenigen Personen im Abteil ziehen ihre Jacken an und nehmen ihr Gepäck auf.

„Ja,“ sagt Harald und schweigt dann.

Fahrscheinkontrolle. Keiner zugestiegen.

Jürgen hat gute Laune, wo doch das Bayernticket so günstig war.

Um sich zu revanchieren, will er das Gespräch harmonisch fortsetzen.

„Holt der Berni dich ab in Oberaudorf? Den Bus kannst vergessen. Aber du hast ja eh bloß einen Rucksack.

 

Der alte Bauer erzählt

Früher waren mir als Buam da droben. Aber im Sommer. Und mit de Viecher. Aber jetzt werd’s schon recht bald Nacht.

Urig und museumsreif ist die Einrichtung: Ein Ofen mit Grandl, der mit Holz befeuert wird, kein Strom, kein fließend Wasser. Harald muss sich ducken, weil der Türstock noch nicht mal für einem Zwerg von der Höhe passen würde. Eckbank, zwei Stühle vor dem winzigen Fenster. Das durch die offene Tür einfallende Tageslicht zeigt Staubwirbel auf, nur ein Dreieck im Raum ist beleuchtet und sichtbar. Als Harald im Raum steht, braucht er eine Weile, bis er sich orientieren kann. Er hat den Grundriß im AirBnB-Portal betrachtet (eingeblendet der Grundriß und Fotos) und weiß daher, dass es noch Räume geben muss. Und es gibt sie. Allerdings kleiner als gedacht. Eine Tür führt in die Kammer mit dem Bett und so. Eine weitere Tür zu einem Raum mit Wasserkanister und dem Behelfsklo. Der Luxus besteht in der Positionierung „in house“. Zu einem Plumpsklo hätte man auch Nachts die Hütte verlassen müssen.

Der Herd mit dem Grandl

Stattdessen darf man bequem eine klassische Tiefspüler-Porzellanschüssel benutzen, sogar mit Brille und Deckel, so dass sich der Notdürftige keinen Schiefer am Holz einzieht. Geruchstechnisch auch ein Vorteil. Nur halt ohne Spülautomatik. Mit dem Geschirrspülwasser oder dem bei der Morgentoilette verwendeten Wasser werden die Fäkalien durch ein hochmodernes Plastikrohr nach draußen in die halb offene Versitzgrube geleitet. Das Prinzip erschließt sich Harald ganz klar bei einem 10-minütigen Rundgang um die Hütte.

Später entdeckt er eine weitere Besonderheit: Die Falltüre in der Stube, die in die Dunkelheit führt. Harald knipst seine mitgebrachte Taschenlampe an (Mini LED Flashlighttaschenlampe von Nite Ize für 17,95€). Die Stufen führen allerhöchstens zwei Meter in die Tiefe. Harald folgt seinem eigenen Leuchtkegel und zieht vorsorglich den Kopf ein. Gebückt steht er in einem kühlen Stollen, untertage und ohne natürliches Licht. Es ist modrig und kalt. Das Erdloch ist verputzt an den Wänden, nur der Boden besteht aus gestampften Lehm. Und es gibt tatsächlich Regale, in denen ein paar rostige Dosen stehen. Es handelt sich in beiderlei Sinn des Wortes um einen Kühlschrank.

Harald ist zufrieden. Mit dem Keller und der Taschenlampe. So hat er sich das vorgestellt.

Eva erzählt

Ich glaube an keinen Selbstmord. Das glaube ich nicht. Weiß man denn, wie der Bauer und sein Sohn so ticken? Hat das jemand überprüft?

Harald steht erst gegen Mittag auf. Es gibt ja keine Eile. Er muss sich ja noch nicht mal anziehen.
Statt dessen setzt er sich vors Haus und liest sein Buch. Aus dem Brunnen hat er sich eine Tasse Wasser geschöpft. Super Frühstück. Ein Genuss. Harald fühlt sich wie ein kleiner Junge. Langeweile – ein Gefühl, das er schon Jahrzehnte vergessen hatte. Ohne Plan tut er dies und das. Schön.

Gerade als Harald in etwa 100 m Entfernung zur Hütte den idealen Standpunkt für ein Selfie gefunden hat, fährt ihm ein Unimog ins Bild.
Berni steigt aus und nickt grüßend in Haralds Richtung.
„Geht’s dir guad? I bin der Berni,“ bellt er. Harald ist beeindruckt von Bernis Leibesfülle. Außerdem ist sein Bass gerade im unbewohnten Tal überaus lautstark.
„Ja, alles passt. Genau richtig.“
Berni pflanzt sich auf die Bank vorn beim Hütteneingang. „Brauchst was?“ fragt er gleich. „Is halt recht einsam heroben.“
Harald ist mittlerweile näher gekommen und lehnt sich an die Hüttenwand.
Berni schnauft durch. Harald schweigt.
Berni hat aber offenbar viel Zeit. Und er ist neugierig. Er zündet sich zunächst mal eine Zigarette an.
„Pass auf, Harald. Harald, oder?“
Harald nickt.
„Schau, da hinten ist die Axt. Brauchst ja fürs Holz. Wasser is da drüben im Brunnen. Kerzen hab i dabei.“ Er springt in atemberaubender Geschwindigkeit auf, ganz unvermutet behände für seine Gestalt. Mit zwei eingeflogenen Schritten ist er am Unimog und zurück und stellt ein ganzes Paket mit Haushaltskerzen auf den Bank.
„Vielen Dank, Berni,“ sagt Harald. „Ich bin ja ein Naturmensch. Ich hab alles, was ich brauche.“
„Na, dann pack ich’s glei wieder. Wenn was ist … woaßd eh wohin. Servus.“

Harald schaltet als erste Handlung sein Handy aus. Es gibt ja keinen Strom.
Dann holt er Wasser in einem Topf, den er in einem Regal neben dem Herd gefunden hat. Ein sehr großer Topf. Trotzdem füllt Harald ihn bis zur Kante, als er am Brunnen steht. Es sind gut zwanzig Meter unebenen Geländes, das er zurücklegen muss. Am Ende hat er die Hälfte verschüttet. Macht nichts. Er setzt das Wasser auf die Herdplatte. Natürlich muss er erst noch Feuer machen. Also Holz hacken.

Holz vor der Alm

Es dämmert bereits, als Harald fertig ist. Außerdem zieht Nebel auf und es feuchtelt. Harald geht in die Hütte und sperrt die Tür zu. Automatisch, obwohl da weit und breit nichts ist, außer ihm selbst. Es ist so leise, dass die Geräusche des Waldes überlaut erscheinen. Harald hält einen Moment inne, entscheidet sich aber offenbar dafür, die Einsamkeit später zu genießen. Er macht erstmal Feuer im Herd.

Asche raus, Holzscheite rein, Zeitung und Spähne drunter und anzünden. Feuer machen. Ein erhabenes Gefühl. Harald macht die Herdtür zu und hebt mit dem Haken einen Ring von der Herdplatte ab. So kann er sehen, ob das Feuer brennt. Tut es. Es ist Harald anzusehen, dass er sich nicht sicher war, ob es tatsächlich klappen würde. Aber es knistert und raucht nicht. Prima.

Als das Wasser sprudelt, packt Harald den Rucksack aus. Neben seiner Astronautennahrung hat er auch Nudeln und eine Dose Baked Beans dabei. Er sortiert seine Vorräte auf dem Tisch. Allzu viel ist es nicht. Aber für den ersten Tag, am ersten Abend, ist es schon in Ordnung, wenn Nudeln gekocht werden. Bei Tageslicht würde er Pilze suchen und sich mal umsehen, was die Natur sonst noch hergibt. Das schreibt Harald in sein Tagebuch, das er mitgebracht hat. Er ist sehr froh, dass Berni ihm Kerzen überlassen hat. Seine Taschenlampe funktioniert nicht mehr. Ersatzbatterien hat er vergessen. Während er schreibt, verdampft das Wasser.

Susa erzählt

Harald war kein guter Koch. Nudeln war drin. Fleisch nicht. Fisch nicht. Der hätte sich glatt selbst vergiftet.

Was er an Essbarem vorfindet, sind getrocknete Pilze. Sie sind mit einem Zwirn aufgefädelt und hängen in einer Nische in der Schlafkammer unterm Dach. Der Raum ist noch niedriger als der Rest der Hütte. Von der Leiter aus muss man quasi ins Bett krabbeln. Vermutlich war früher mal das Heu unterm Dach gelagert. Jetzt aber liegt eine dicke Matratze auf dem Holzboden und Federbetten türmen sich am Kopfende, Die Pilzketten passen gar nicht dazu. Harald lacht: „Immerhin kein Knoblauch.“ und trägt sie runter in die Stube und inspiziert sie genau. Kein Aroma, keine eindeutigen Hinweise auf die Pilzart, nichts. Unschlüssig hängt Harald die Pilze über den Herd. Man weiß nicht, ob sie essbar sind oder giftig. Und außerdem hat er keine Ahnung, wie er sie zubereiten soll.

Gottlob ist da die eingebeutelte Astronautennahrung.

Leider soll kochendes Wasser hinzugefügt werden. Aber wie? Draußen ist es schon dunkel. Und zwar sehr dunkel. Harald leuchtet hinaus, während er noch im offenen Hütteneingang bleibt. Es hat angefangen zu regnen. Der Brunnen ist zu weit, als dass ihn der Lichtkegel erreichen würde. Harald lauscht in die Dunkelheit. Er kann das Plätschern hören. Aber von wo das Geräusch kommt, ist schon wieder eine andere Frage. Nach Momenten des Zauderns, geht Harald wieder hinein und gräbt in seinem Rucksack und findet eine halbleere Mineralwasserflasche. Er reißt den Beutel auf und kippt das Wasser dazu wie es ist. Schmeckt vielleicht nicht so gut, aber Harald hat Hunger. Deshalb schlingt er die Tüte sehr schnell hinunter. Er hat noch immer Hunger.
Harald tigert im Raum herum, nervös.
Um sich abzulenken, schreibt er ins Tagebuch. (Text heroisch, Pathos!)
Eine Seite lang ist der Eintrag als Harald zur Schlafkammer hinaufsteigt.
Im Schein der Kerze erkennt er die vielen Spinnennetze rund ums Bett. Er schüttelt das Plumeau aus und klopft auch aufs Kissen. Das Lager ist nicht gerade behaglich, fast schon klamm, als er einschläft. Die Kerze lässt er brennen. Schon als Abschreckung gegen die Spinnen.

Kerzen

Haralds Selbstbild zeigt ihn mit seinem Schafsack im Wald bei Nacht. Neben ihm verglüht das Lagerfeuer. Neben seinem Kopf liegt ein großes Messer. Er erwacht aus leichtem Schlaf, greift zum Messer und starrt auf den riesigen Schatten eines Bären in nur 5 Meter Entfernung.

Bernies Schwester erzählt

Der Berni ist ein Hund. Ein Halsabschneider. Geld verlangen für die Alm, aber nix herrichten. Eh ein Wunder, dass den nicht das Dach erschlagen hat.

Das Feuer ist runtergebrannt. Teller und Topf stehen noch auf dem Tisch. Harald kommt fröstelnd ins Halbdunkel der Küche.
Es ist Morgen. Es ist kalt. Feuer machen. Holz hacken, Wasser holen. Es dauert länger als gedacht.
Harald kocht die Nudeln und isst seine einzige Dose Baked Beans. Danach wäscht er ab und geht los. Pilze sammeln im Wald. Auf einer Anhöhe holt er sein Handy aus der Hosentasche. Er hat tatsächlich Netz, wenn auch sehr schwach. Fünf Nachrichten. Zwei von Eva, eine von Mutter Gisela, eine von Susa und ein Foto von den Morbid Angels. Sicher Sören.
Eva schreibt: „Wie kommst du zurecht?“ und „Sollen wir dich besuchen?“. Gisela wünscht viel Glück und Susa fragt nach dem Hauptwasserhahn.
Oh, Gott.
Harald kann sich nicht mehr auf die Pilze konzentrieren. Es gibt auch keine. Zu kalt.
Er schreibt „Bei mir alles gut“ an Eva. An Gisela und Sören schickt er das Selfie mit der Hütte. Die Datei ist zu groß, es klappt nicht. Und an den Hauptwasserhahn mag Harald gar nicht denken. Er braucht ein Mantra, ein Om, um sich nicht aufzuregen. Schließlich ist er weg. Genau deshalb ist er weg. Er zwingt sich, Susa nicht zu antworten.

Zurück in der Hütte, holt Harald die alten Dosen aus dem Keller. Erbsen und Ravioli Jahrgang 92. Er stellt sie enttäuscht wieder weg. Das Astronautenfutter ist längst verputzt. Harald macht sich einen Tee und liest sein Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ im Schneidersitz.

Berni erzählt

Vielleicht ist der abgehauen. Er ist runter ins Dorf. Das war letzte Woch.

Wieder kalt, wieder Feuer aus, wieder Wasser holen. Nun ist Harald weniger euphorisch. Ein kurzer Marsch über die trübe und verregnete Lichtung macht klar, dass es mit den Pilzen wieder nichts wird. In sein Tagebuch schreibt er „Man hätte Vorräte im Sommer anlegen müssen.“ Dann entleert er seinen Rucksack bis auf den Geldbeutel und geht los Richtung Dorf.

Im Wald ist es leise und laut zugleich. Einerseits dämpft die feuchte Waldluft das prasselnde Geräusch des Regens, andererseits hallt von fern das Echo von lautem Rufen, wobei unklar ist, aus welcher Richtung. Harald steigt federnd den Serpentinen folgend ab.
Immer wieder vermutet er die Geräuschquelle hinter sich, doch er kann nur die Bäume sehen, sonst nichts.
Trotzdem ist Harald irritiert. Es ist unheimlich. Irgendwie kommt es ihm sogar vor, als wäre ganz weit weg etwas Braunes zwischen den Bäumen. Vielleicht ein Bär. Unwahrscheinlich.

Zwei Wegbiegungen später knallt Harald beinahe auf Bernis Unimog. Die Stimmen sind hier lauter. Harald ruft ein verkrächztes „Hallo“.
Der alte Bauer steht urplötzlich hinter ihm. Sein Atem ist weiß von der Kälte und perlt an Haralds teurem Anorak ab.
„Grüaß di,“ sagt er.
Harald sagt auch brav „Grüß Gott“. Die Situation ist ihm unangenehm. Gottseidank hat er noch keine Einkäufe im Rucksack. Auf die Frage, wohin er unterwegs sei, legt sich Harald schon eine ausweichende Erklärung wie „Umgebung erkunden“ zurecht.
„Host a Kuah gesehn?“ fragt der Bauer. Harald schüttelt überrascht den Kopf.
Da kommt auch schon Berni hinter dem Unimog hervor.
„Servus, Harald,“ sagt er und schüttelt seinem Mieter die Hand. „Mir suacherten a Kuah.“
Harald nickt.
„Der Abtrieb is ja schon längst gwesn. Aber die Anni ist uns auskommen. Wennst as sigst …“
„Die Anni?“
„Ja, so eine kleine braune.“ Berni spricht extra langsam und hochdeutsch, so wichtig ist ihm die Kuh.
„So eine hab ich neulich gesehen, bei meiner Ankunft. Ich hab sogar ein Foto.“

Kuh im

Im am Ortsrand gelegenen Aldi kauft Harald Nudeln, Reis, Dosentomaten, zwei Dosen Thunfisch in Öl und zwei Tafeln Schokolade. Kartoffeln nimmt er nicht. Aber Bananen und Äpfel kann er sich nicht verkneifen. Klopapier und Batterien noch. Und Milch. Und Zucker. Eier, Mann … Insgesamt sind es dann doch über 12 Kilo.
„Sind Sie beim Berni in der Alm droben?“ fragt die Kassenkraft (Bernis Schwester).
„Ja, woher wissen Sie das?“
Die Kassiererin will Harald offenbar etwas Wichtiges sagen, aber eine ältere Kundin schiebt Harald unsanft mit ihrem Einkaufswagen weiter.
Harald will sich schon beschweren, sieht aber gleich ein, dass das nichts bringt.

Er beschließt, die Alte durch langsames Einpacken und Geplauder mit der Kassenkraft zu bestrafen.
„Wird die Alm denn oft vermietet?“ fragt er die Kassiererin.
„Den letzten Mieter suchen’S eh noch,“ mischt sich die Alte ein. „Der Berni hat eh g’schmipft. Der ist ihm das Geld schuldig blieb’n. Hat er Sie im Vorraus zahlen lassen?“
„Ja, aber der alte Bauer. Nicht der Berni,“ antwortet Harald.
„G’scheit. Der andere Kunt war auf oamoi weg. Der hat sogar an Haufn Zeug z’ruck lassen. Vielleicht haben’S ihn g’sucht von der Polizei. Des muss scho a solchener sei, wenn der da droben wohnen mag im Winter. Gibt ja ned amoi a Licht.“
„Ich mag das. Diese Bequemlichkeit mit Elektriziät und Zentralheizung ist doch auch nicht richtig, oder?“
Die Alte schüttelt den Kopf. „Wenn Sie so aufgewachsen wären wie mir …“
„Was war denn dann mit dem Mieter? Wann war das denn?“
„Is schon ein paar Jahr her ….Hab i vergessen,“ brummelt die Alte. Und fertig

Bernis Schwester Maria erzählt

Irgendwie spukt des auf der Alm. Nie hat da oaner sei mögen. Ich war mit dem Berni als Kind droben. Mit die Stierl. Aber dann is koaner mehr nauf. 20 Jahr ned. Und jetzt macht der Berni a Geld mit dem, dass die Alm so oidmodisch ausschaugt.

Harald steigt auf.
Das Wetter ändert sich zum Besseren. Die Wolken und der Nebel lösen sich in rasender Geschwindigkeit auf, leichter Föhnwind weht von den Gipfeln runter. Die Sonne treibt Harald bald den ersten Schweiß auf die Stirn. Harald hat seine Outback-Tasse nicht dabei. Als er zu dem Mini-Wasserfall kommt, plagt ihn ein gewaltiger Durst. Er formt seine Hände zu einer Schüssel und versucht zu trinken. Das gestaltet sich schwerer als gedacht. Er schafft es kaum, seine Lippen zu benetzen. Von Durst stillen kann nicht die Rede sein. Nach drei Versuchen lehnt Harald seinen Yukon-Rucksack an die Felswand und legt sich selbst auf den Bauch. Mit einer Hand schaufelt er nun das Wasser in seinen Mund. Gierig wie eine Katze.
„Durscht?“
Der Mann gleicht Harald in Typ und Ausstattung. Er grinst und reicht Harald seinen Becher, den er mit einer Hand vom Karabiner löst. Harald steht auf und nimmt dankend an. Es ist ihm ein wenig peinlich, in solch einer kompromittierenden Stellung erwischt worden zu sein.
„Man musch sich nur zu helfe wisse, ned wahr?“ schwäbelt der Mann. „Schlabbern geht a.“
Die beiden Männer stehen eine Weile an der Wasserstelle. Dann beginnt der klassische Smalltalk. „Wo gehet Sie denn hi?“ fragt der Schwabe.
„Ich war nur einkaufen. Ich bewohne momentan eine Hütte da oben,“ antwortet Harald.
„Ganz alleu?“
„Ja.“
„Isch Ihnen des ned langweilig?“
„Ich hab zu tun,“ sagt Harald. „Holz hacken und alles. Ich will das mal erproben, ohne Zivilisation und so.“
„Aso. Aber einkaufe!“ lacht der Mann.
Harald ist in der Tat beschämt. Er fühlt sich als Versager. Der Mann wird ihm allmählich unsympatisch. „Das war notwendig. Ab jetzt ernähre ich mich autark.“
„Und wie lang bleibet Sie auf der Hütte? Des isch ja abenteuerlich.“
„Ja, ich bleib erst mal ein paar Wochen. Eigentlich hab ich vor, nach Kanada zu gehen. Yukon.“
Dem Schwaben bleibt der Mund offen stehen.
Harald ist nun nicht zu bremsen.
„Ich befasse mich schon länger mit dem Leben in der Wildnis. So ganz in der Natur. Ich will mir dort eine Blockhütte bauen. Wir sind doch hier völlig verweichlicht und korrumpiert.“
„Da han i schon amal so an troffen. Der is verreckt. Verhungert.“
Eine schweigsame Pause entsteht. Harald denkt: Du Depp. Man sieht es ihm an.
Sie steigen noch einige Meter gemeinsam auf. Dann trennen sich die Wege an einer Gabelung.



Die Alte sagt

Der Tod kommt immer unverhofft. Man kann nur von Glück reden, wenn es schnell geht.

Als Harald schon fast wieder bei der Hütte ist, beschwingt von der Begegnung, klingelt sein Handy.
„Eva!“
„Harald, wo ist das denn genau, wo du bist? Die Mama und ich wollen dich besuchen. Und jetzt ist doch so schönes Wetter. Da könnten wir doch mal rausfahren zu dir.“
„Nein, das geht nicht, Eva.“
„Warum?“
„Weil ich jetzt mal endlich alleine sein will. Ich will das durchziehen. Allein, verstehst du?“
„Nein. Ich dachte, weil es so schön ist in den Bergen. Da bist du doch nicht ewig. Die Mama und ich hätten morgen Zeit. Das ist doch perfekt.“
„Nein. Ich verbiete euch das. Ich bin hier, weil ich mein zukünftiges Leben in Kanada austeste. Ich hoffe, das respektierst du mal.“
„Okay. Schade. Sehr schade. Denk nochmal nach. Übermorgen ist schon schlechtes Wetter. Morgen ist die letzte Chance.“
„Danke, nein. Kommt nicht. Ich ruf euch an, wenn ich wieder in München bin.“
„Na gut.“

Der Föhn bricht gerade zusammen. Eine drückende Stimmung schwebt über dem Tal. Noch ist es recht warm. Harald holt Wasser und kocht sich Spaghetti mit Thunfisch-Tomaten-Sauce. Es ist ja schon Mittag.
Das Essen macht müde. Keine Lust auf Schwammerl suchen oder Holz hacken. Harald döst vor der Hütte auf seinem teuren Schlafsack. Erst als sich der leichte Wind zu einem Sturm mausert, geht er rein. Er isst eine der beiden Tafeln Schokolade. Dann setzt der Regen ein.

Susa erzählt

Ich hab in seinem Computer nachgeschaut, wo er die Hütte gemietet hat. Passwort hat er ja keines.
Der Hausmeister hat mich hingefahren. Wir mussten das machen, wegen dem Wasserrohrbruch.

Toll. Genau so sollte das Leben sein. „Wofür es sich zu leben lohnt“ – nicht nur lesen, sondern leben. Harald verbringt den Tag im Bett und merkt gar nicht, dass es draußen schneit ohne Unterlass.
Als er endlich aufsteht und barfuß zur Toilette huscht, schlottert er schon nach wenigen Schritten.
Die Eingangstür klemmt wegen der 40 cm Neuschnee, den Rest tut der Wind, der nicht nur die Schneeflocken tanzen lässt, sondern auch gegen die Tür stemmt.
Harald hat Angst, dass die Tür nicht mehr aufgeht, wenn er draußen Holz holt. Er legt einen Holzscheit als Keil in die offene Tür. Als er zurück in die Stube huscht, bläst der Wind den Schnee durch die ganze Hütte. Es ist noch kälter.
Harald müht sich mit dem Feuer. Es klappt nicht. Das Holz ist nass. Fehler, die nicht passieren dürfen. Nach ungefähr 30 Versuchen bricht Harald ab. Er zieht an, was er hat und legt sich mit dem Obst und der zweiten Schokolade ins Bett.
Immer wieder steht Harald auf und schaut aus dem kleinen Fenster. Das Schneegestöber hört den ganzen Tag nicht auf.

Der Hausmeister sagt

Ich hab das mit der Wohnung schnell in Griff gekriegt. Susa war ja da. Sonst hätte der Wasserschaden zig-Tausende gekostet. Trotzdem musste man es der Versicherung melden. Das konnte Susa nicht. Wir sind dann nach Oberaudorf gefahren, als der Schnee wieder weg war. Eine Woche später oder so.

Harald hat absolut nichts mehr zu essen. Er liegt lethargisch im Bett. Ein Dachlawine weckt ihn aus dem Halbschlaf. Es taut. Lustlos macht Harald die Augen wieder zu.

Harald träumt von gutem Wetter: Ein Alptraum, in dem er davonläuft und sich versteckt. Er versteckt sich hinter Bäumen und Felsen. Überall tönt es „Harald, Harald!“ Schließlich stolpert Harald über eine Wurzel. Erschreckt dreht er sich um. Plötzlich steht sie da, die Anni, das Galloway-Rind. Harald wacht auf, verwirrt.

Susa und der Hausmeister parken vor Bernis Bauernhof. Susa bleibt im Auto sitzen, während der Hausmeister mit Berni spricht. Sie checkt ihre Nachrichten auf dem Handy und findet das Foto einer Kuh, das Harald ihr geschickt hat. Im Hintergrund holt Berni den Unimog aus der Scheune. Der Hausmeister öffnet die Beifahrertür seines Wagens und sagt: „Komm, wir fahren rauf zu Harald.“

Ganz langsam zieht Harald sich in der Hütte seine Schlechtwetterbekleidung über und die Schuhe an. Er greift zum Rucksack und verlässt das Haus ohne vorher einzuheizen und macht die Tür zu.

Berni erzählt

Wurscht ob Selbstmord oder abgehauen, jedenfalls hat der schon lang nimmer eingeheizt. Der ist schon lang weg.

Harald schlittert über Schneeresten über Trampelpfade. Der Weg führt bergauf. Ab und zu fällt der Schnee von den Fichten und ein Vogel schreit auf. Er folgt der Kuh Anni, er ruft ab und zu nach ihr.
Der Himmel zieht hinter dem Kaiser auf und die Sonne kommt raus.

Susa, der Hausmeister und Berni stellen sich unterhalb der Almwiese vor dem Unimog auf, weil Susa ein Foto machen will. #Kaiserwetter, schreibt Susa und postet auf Instagramm, Facebook, Snapchat und Twitter.
Dann fahren sie ohne Eile weiter hinauf.

Harald genießt das schöne Wetter. Er kommt zu Kräften und lacht.
Sein Weg führt bergauf und bergab, immer wie die Kuh es will. Gerade als Harald glaubt, die Kuh verloren zu haben, sieht er sie wieder. Allerdings weit weg.
Harald bewundert, wie schnell die Kuh ist. Er beeilt sich, um sie nicht wieder zu verlieren. Er befindet sich jenseits der Baumgrenze. Selbst Latschen sind spärlich. Steinplatten und Felsen gibt es noch.

Berni kommt aus der Alm und schüttelt den Kopf.
„Der ist nicht da,“ sagt er. „Eingeheizt hat er auch nicht.“
„Was machen wir nur? Wir brauchen ihn doch für die Versicherung.“
„Und ewig Zeit hab ich nicht,“ fügt der Hausmeister hinzu. Ich schreib einen Zettel mit meiner Telefonnummer. Sein’S so gut Berni, fahren’S doch morgen noch mal rauf.“
Berni nickt. „Schon in aller Früh. Haben wir eh einen Frost, wenn’s klar ist, da müssert der eh amoi Holz hacken.“

Harald rennt mittlerweile am weit entfernten Gipfel auf den Punkt zu, an dem er die Kuh zuletzt gesehen hat.
Und rutscht aus.
Er rutscht auf einem nassen Kuhfladen aus.
Er verliert den Halt und das Gleichgewicht.
Die Beine rutschen weg.
Harald schlägt mit dem Hinterkopf auf die Felsplatte. Es knackt.

Sören erzählt

Es ist wie bei einer Waagschale. Ich habe immer Glück. Bei dem Konzert im Backstage hab ich meine Freundin kennengelernt. Sie will heiraten und Kinder, und ich auch. Harald hatte Pech. Immer Pech. Das war sein Schicksal.

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